Wesen und Verhalten: Ererbtes/anerzogenes Verhalten
Ererbtes Verhalten kann man auch als „genetisch konditioniertes Verhalten“ bezeichnen. Dabei handelt es sich um relativ einfache Verhaltensmuster, die sehr einheitlich von allen Mitgliedern einer Tierart gezeigt werden. Echte Instinkthandlungen sind in der Regel ererbt, da der gleiche Stimulus bei allen Tieren dieser einen Art das gleiche Verhalten auslöst.
Letztendlich ist alles Verhalten genetisch konditioniert, da sich kein Verhaltensmuster ohne genetische Prädisposition entwickeln kann. Auf der anderen Seite würde sich aber auch keine genetische Prädisposition zu einem entsprechenden Verhalten entwickeln, wenn nicht die Umwelt dafür sorgen würde. Jedes individuelle Verhalten ist so das Resultat aus den jeweiligen genetischen Vorgaben, nachdem oder während die Umwelt ihren Einfluß entfaltet; über Veränderung der entwprechenden Umweltbedingungen kann man die Entwicklung bestimmter Verhaltenselemente fördern oder hemmen. Es ist daher unmöglich, einzelne Gene für bestimmte Verhaltensmuster zu identifizieren. Es gibt nur einzelne Gene, die die Entwicklung in ein bestimmtes Verhalten hinein unter bestimmten äußeren Umständen ermöglichen. Alles Verhalten ist anteilig genetisch quantifiziert. Kein Hund besitzt einig und allein aggressive Gene und keiner nur freundliche. Bei jedem ist sozusagen alles vorhanden – nur mit individuellen Schwerpunkten. Der aggressivere Hund, im Gegensatz zum friedlichen, reagiert in bestimmten Situationen z.B. schneller und offensiver. Der friedlichere Hund ist über seine Gene auch zu aggressiven Handlungen befähigt; er benötigt unter Umständen einen höheren Input in bestimmten Situationen – das heißt; seine Reizschwelle für aggressives Verhalten liegt höher.
Einige Verhaltensmuster benötigen einen stärkeren Input von der Umwelt als andere, um sich vollständig und korrekt zu entwickeln. Wenn man nun davon spricht, dass ein Hund ererbtermaßen aggressiver ist als andere, würde dies bedeuten, dass er unter allen nur erdenklichen Umweltbedingungen diese verstärkte Aggressivität entwickelt hätte. Nur unter diesem Aspekt kann man überhaupt von soetwas wie ererbtem oder nicht ererbtem Verhalten sprechen. Jedes Verhalten ist das Produkt aus Genen und Umwelt – das darf nie vergessen werde.
Quelle: Roger Abrantes, Kosmos Verlag, Hundeverhalten von A-Z, S. 113-114